2016 - Esther Poppe & Bettina Hamm

esther-bettina

Vernissage:
12.02.2016
19:00
Ausstellung:
13.02.2016
-28.02.2016

Formlos gestylt.

Esther Poppe und Bettina Hamm im Stellwerk (12.-13. und 28. Februar 2016, Stellwerk Kassel)

Ein Fenster nach dem anderen öffnet sich, auf Nahaufnahmen mysteriöser Materialstrukturen, ein angeschnittenes Hundebein und zwei ineinander verknotete Hände, die kontinuierlich umeinander kreisen. Die Ausstellung von Bettina Hamm und Esther Poppe (2016) hat keinen Titel, aber einen Trailer. Im einminütigen Videoclip wechseln sich mehrere Browserfenster ab, im Hintergrund ein chaotischer Raum, in dem offenbar gerade eine Ausstellung aufgebaut wird. Stimmen unterhalten sich über ein Werk, das so aussieht, als hätte man ganz wenig daran gearbeitet. Dann Musik. Dann Stille. Die Hände drehen sich weiter, nervös, vielleicht unschlüssig, wie viel Arbeit denn so ein Werk nun doch braucht bzw. worin eigentlich diese Arbeit bestehen sollte. Dass auch das Finden und Auswählen von Motiven, Materialien und Ausstellungspartnern Teil dieser Arbeit ist, und dass die Arbeit mit dem Anordnen von Bildern und Objekten in einem Raum gerade erst anfängt, ist natürlich nichts Neues. Neu oder besonders bei Bettina Hamm und Esther Poppe ist, dass sich die beiden für den Verlauf von schweißtreibenden, lärmenden und schmutzenden Arbeitsprozessen ebenso sehr interessieren wie für ein – auch digitales – Oberflächenfinish, das genüsslich Ecken und Kanten abschleift, auf Hochglanz poliert und Lichtreflexe setzt.

Wie aber passt so ein Prozess auf eine Oberfläche? Die Versuchsanordnung der Künstlerinnen ist folgende: Aus Fundstücken und bearbeiteten Materialien haben die beiden Photoshop-Collagen erstellt. Die nun auf verschiedene Stoffe gedruckten Collagen bestehen aus einem Nebeneinander von freigestellten oder zugeschnittenen Motiven – aneinanderreihende Bestandaufnahmen, wie unter dem Mikroskop vergrößert. Manchmal ist es gut, erst einmal nicht ganz so viel zu wollen vom Material, dem in der zeitgenössischen Kunst permanent so einiges abverlangt wird. Bei Bettina Hamm und Esther Poppe darf es erst einmal einfach Bildträger für ein Motiv und Motiv für einen Bildträger sein. Dem Rohen, Abgenutzten, noch im Bearbeitungs- oder schon im Verfallsprozess Befindlichen werden sozusagen kleinste Proben entnommen, um sie auf ihre Eignung als attraktive Oberflächen hin zu prüfen.

In dem wie konkrete Poesie über das Blatt gestreuten Text, den die Künstlerinnen als Zugabe zur Ausstellung bereithalten, ist wiederholt von „Öberflächen“ die Rede. Ist das mehr als bloß ein Wortwitz? Die Pünktchen auf dem Ö beschmutzen die Oberfläche, so wie ein Fliegenschiss auf einer glänzenden Fensterscheibe, der die Aufmerksamkeit darauf lenkt, dass die Transparenz der Scheibe eine Materialität hat, die beschlagen, verstauben und verschmutzen kann. Schmutz und Feuchtigkeit durchtränken auch Georges Batailles Konzept des Informen, das als Abrechnung mit einer begrifflichen Fixierung der Welt, wie sie etwa in konventionellen Lexika erfolgt, auftritt. Formlos, so heißt es dort anklagend, sei „ein Ausdruck, der der Deklassierung dient und im Allgemeinen erfordert, daß jedes Ding seine Form hat. Was er bezeichnet, hat keine Rechte in irgendeinem Sinne und läßt sich überall wie eine Spinne zertreten.“ 1 Esther Poppe widmet sich dem Zertretenen im buchstäblichem Sinne, dem Plattgefahrenen, dem vom Regen Aufgeweichten und dem Vollgerotzten. Sie findet ihre Materialien auf der Straße. Bettina Hamm wiederum stellt Materialitäten her. Sie geht von ganz unterschiedlichen Materialien aus, deren Oberflächen sie durch ihre Bearbeitung mit neuen Eigenschaften auflädt. Die Eindeutigkeit, mit der uns bestimmte Gegenstände und Werkstoffe im Alltag begegnen, wird dadurch untergraben. Vorlagen für die Textildrucke in der Ausstellung waren unter anderem spröde Heimwerkermaterialien wie Bauschaum oder Steinwolle und Fundobjekte von der Straße, zerfetzte Papierverpackungen oder alte Fahrkarten. Diese treten nun jedoch nicht in Form eines „niederen Materialismus“ nach Bataille in Erscheinung. Das Informe vereint sich hier mit der visuellen Sprache der ‚neuen Materialien’, wie man sie aus der sog. Post- Internet Art kennt. Eine Kruste aus haut- und schokoladenfarbenem Silikon verleiht den nach dem Vorbild besagter Materialproben unregelmäßig geschnittenen Styrodurblöcken in Schlumpfeisblau und Pistaziengrün eine beinah appetitlich wirkende Patina.

Auf das leuchtend blaue, silikonverschmierte Styrodur wurde die Abbildung einer seltsamen Struktur tapeziert. Was von Fern vage an ein Drip-Painting erinnert, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Fotografie einer aufgeschabten Spanplatte – der gleichen, die man in der anderen Raumecke auf giftgrünem Jerseygrund betrachtet und daher vielleicht zunächst als ausgehobenes Stück Rasen gedeutet hat. Die Motive aus dem persönlichen image stock der Künstlerinnen werden durch das digitale Ausschneiden und Reproduzieren zwar zunächst abgeflacht – indem sie geradezu parasitär verschiedene farbige Untergründe besetzen, erhalten sie jedoch eine neue, wechselhafte Körperlichkeit. Neongrüner und strahlend weißer Jersey, zartbeiger Pannesamt und fließende Viskose lassen die Motive temporär zu etwas anderem werden, je nachdem welche Vorprägungen und Präferenzen man hat, wie weit entfernt und in welchem Winkel man zu den Objekten steht. Tatsächlich provoziert die Verteilung der Objekte im Raum den permanenten Wechsel von Standpunkten und Körperhaltungen. Alles hängt sehr hoch oder tief, als handle es sich um außer Kontrolle geratene Flugobjekte, die gefährlich nah am Boden schrammen oder kurz vor dem Durchbrechen der Schallmauer stehen. In der linken Raumhälfte drängen sich die Arbeiten aneinander, rechts weicht die dichte Hängung einem Abstand, der sich fast über die ganze Wand ausbreitet.

Eine Öberfläche, so könnte man spekulieren, ist das Abziehbild einer Materialprobe, das abwechselnd auf ganz verschiedene Untergründe aufgebracht werden kann und dort eine lebendige Plastizität entwickelt. Batailles Informe ist ein Plädoyer für das, was in tropfender und triefender Bewegung ist, was nicht nur benutzt, sondern abgenutzt wird, für das chaotisch Prozesshafte, das kein Werk ausspucken will, und das, was auf dem Boden liegt, weil es partout nicht an der Wand hängen mag.

Bettina Hamm und Esther Poppe heben es trotzdem auf und verpassen ihm einen neuen Look aus Silikon und Bikinistretch. Den Objekten die Wendigkeit des digitalen Bildes, das immer auch ein potentiell dekoratives Motiv ist, zu verleihen, bedeutet, ihnen einen Teil ihrer Widerständigkeit zu nehmen. Das zeigt sich auch in den Objekten – oder Zeichnungen? – oder Gerätschaften? – aus Rundstahlstangen, die die Künstlerinnen nach dem Vorbild der Konturen ihrer Fundstücke gebogen haben bzw. versucht haben, zu biegen. Wie misslungene Tags eines Graffitisprayers, der sich versehentlich im Medium vergriffen hat, liegen die Kritzeleien aus Metall am Boden vor den Textildrucken. Die Resultate aus Bettina Hamms und Esther Poppes Zusammenarbeit sind in erster Linie wieder Materialien. Dinge, mit denen sich weiterarbeiten lässt. Eine Form der Potentialität löst die andere ab. Was dabei aber unter der Hand vor sich geht, ist ein Übergang von einer Potentialität im Sinne einer weitgehenden Unbeherrschtheit des materiellen Verfalls und Eigenlebens hin zu einer Potentialität, die maßgeblich von der Interaktion des Betrachters – oder des betrachtenden und eingreifenden Künstlers – mit den Objekten abhängig ist. Ob man anfängt, einzelne Motive durch Assoziation mit wechselnden Gegenständlichkeiten zu beleben, oder dazu übergeht, tatsächlich mit der Anordnung zu experimentieren, die Stahlstangen zu Kleiderstangen umzufunktionieren oder die zarten Stoffe als Vorhänge einzusetzen – das Verhältnis zu den Dingen ist ein unwiederbringlich anderes als zuvor. In der Ausstellung zeigt sich, dass Prozesse und Oberflächen, Bilder und Motive in einen gegenseitigen Austausch miteinander treten können – nicht aber, ohne dass dies entscheidende Auswirkungen auf unseren Zugang zu ihnen hätte. An welchem Punkt genau dieser Wechsel stattfindet und welche ‚Umgangsformen’ nun mit den neu entstandenen Dingen angebracht sein könnten, bleibt hier noch offen.

Text: Ellen Wagner
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Georges Bataille zit. nach: Rainer M. Kiesow (Hg.): Kritisches Wörterbuch. Beiträge von Georges Bataille, Carl
Einstein, Marcel Griaule, Michel Leiris. Berlin 2005, S. 44.